“Hallo, Berlin….!”

– Alleine auf Tour –

Anfang Februar habe ich mir meine akustischen Gitarren, eine Stompbox und einen Schellenkranz, und eine kleine Anlage geschnappt, und bin auf Solo-Tour durch Deutschland gegangen. Ich wusste in etwa was auf mich zukommt, da ich letztes Jahr schon einmal das gleiche unternommen hatte, 9 Konzerte waren es damals. Dieses Mal waren es 12, umgerechnet in Kilometern sind das 4000…in Euro weiß ich es gerade leider nicht.

Man weiß natürlich nie, ob alles gut geht, aber das ist ja allgemein immer so im Leben. So hielten die 2 Wochen denn auch viele Glücksmomente aber auch einige kleinere und größere Katastrophen bereit, aber der Reihe nach…

Tourstart ist in Enkirch an der Mosel, bei Tom (Toms Musikkeller). Es ist der erste Gig, und da ich das neue Programm bislang nur der Tapete in meinem Arbeitszimmer vorgespielt habe (die Reaktion war verhalten), brauche ich etwas um reinzukommen. Da ist so ein Donnerstags-Konzert vor 10 Leuten genau richtig…

2. Tag, Fulda:
Ich bin im Backstage, ein sehr schöner Club. Das Konzert läuft gut, ich merke aber, dass die 2 Sets a` 50 Minuten doch echt an die Substanz gehen und nehme mir für den Rest der Tour vor in der Pause etwas einzuwerfen…nein, kein Koks, Traubenzucker! Was habt ihr denn gedacht…:)
Irgendwann im zweiten Set fängt jemand im Zuschauerraum an zu meinem Song `Norway` Mundharmonika zu spielen, und zwar richtig gut. Stefan heißt er, stellt sich heraus. Er war letztes Jahr auch schon da, und dieses Mal ist er vorbereitet.
Die Sache mit dem „Leute auf die Bühne holen“ ist die: Die Kompetenzspanne reicht von „goldene Momente“ bis „Schnappatmung“, aber der Stefan kann es. Wir spielen im Zugabenset „Superstitious“ von Stevie Wonder zusammen, und der Boden brennt.

3. Tag, Waldenburg/ Bayern:
Ich bin das erste Mal hier, und da ich unverhofft früh ankomme, stelle ich mich mit meinem Wagen erst einmal 2 Stunden auf einen Acker, und übe auf dem Rücksitz Gitarre.
Es muss wohl von außen ein wenig seltsam ausgesehen haben, denn ich ernte von mehreren vorbeifahrenden Radfahrern seltsame Blicke. Aber ich habe ein echt anspruchsvolles Programm zusammengestellt, und da ich den kompletten Tag immer mit Reisen, Sound checken, Konzerten, (und irgendwann muss ich auch mal schlafen) verbringe, muss ich einfach üben. Außerdem ist Gitarre spielen für mich wie eine Sucht, 2 Stunden Konzert reichen da einfach nicht aus.
Die Show läuft ist astrein, und wir machen direkt einen Termin für nächstes Jahr aus.

4. Tag, Birkenried/Bayern:
Da ich eine Matinee spiele, also Konzertbeginn 14°° Uhr ist, und ich ja auch noch hinfahren muss, schaffe ich es nicht zu üben.
Der Trick: Früher aufstehen. Ich wähne mich alleine in der Pension, also stelle ich den Wecker auf 6:00 Uhr, und übe vor der Abfahrt noch Tommy Emmanuel Songs.
Als ich um 7:00 Uhr erstes Türenschlagen höre realisiere ich, dass ich wohl doch nicht so alleine war wie ich dachte. Gut, dass ich nichts von den Sex Pistols üben musste…
Das Konzert: Ich bin das zweite Mal hier, und es wird voller.
Allerdings kriege ich ein anderes Problem:
Wer schon einmal auf einem meiner Konzerte war, der weiß, dass ich gerne etwas zu den Songs erzähle. Im Idealfall habe ich mir ja bei den Texten etwas gedacht.
Hier hält ein Gast meine Moderationen/Ansagen/Erklärungen für eine Aufforderung zum Gespräch, und zwar alleinig an ihn. Jeder meiner Sätze, jede Bemerkung wird kommentiert, auch während der Songs.
Jeder Unterhalter weiß, wie schwierig solche Situationen sind. Ich hatte das schon mehrfach, und das Beste ist, die Sache mit Humor zu nehmen, den Störer „mitzunehmen“.
Das funktioniert immer. Hier nicht.

5. Tag/Neuss:
Heimspiel, und gut voll. Das Konzert ist toll, und ich treffe jede Menge Freunde und Bekannte.

6. Tag/Viersen:
Eigentlich eine Bank, aber dieses Mal sind wenige Leute da, wahrscheinlich dem Sonntag geschuldet. Egal, denn die, die gekommen sind, tragen mich durch einen sehr schönen Abend.

7. Tag/Osnabrück:
Grolsch Songnight, im Spitzboden der Lagerhalle. Ich bin zum zweiten Mal eingeladen.
Mit mir eine Band aus Grossbritannien, und, für mich DER Knaller des Abends: das belgische Duo „Coffee or not“. Der Bandname ist so unspektakulär wie die Band sensationell ist.
Zu zweit, und unter Zuhilfenahme von Loops, Drums, Gitarre und Keyboards gibt es sehr interessante und echt ausgecheckte Songs, und zwar mit einem Sound, wie ich ihn noch nicht gehört habe.
Zuviel für einige wenige Besucher, die während des Auftritts gehen. Der Rest ist total begeistert.

8. Tag Burgwedel:
Hauskonzert bei meinem Kumpel Joe Litwin. Auch hier treffe ich viele Freunde und Bekannte.
Joe supportet mich mit seinem Sohn Arne am Cajon, das Konzert ist gut, das Publikum etwas laut, aber noch im Rahmen, und die letzte Nummer des Abends ist eine wilde Mischung aus Melissa Etheridge und AC/DC, zusammen mit Joe und Arne. Was ein Abend!

9. Tag/Berlin:
Für das nächste Jahr, Notiz an mich: NICHT zig Km zum Auftritt fahren, aufbauen, soundchecken…und direkt auf die Bühne springen.
Das Konzert ist zwar klasse, und hier sind auch mehr Leute als letztes Mal, aber ich habe 2
kleinere Kreislaufaussetzer…während ich singe. Das ist ein bisschen scary. Ich hätte DOCH das Koks in der Pause nehmen sollen.
Tourbooking ist immer ein Balanceakt. Da ich viel in Clubs spiele, sind dort natürlich die Wochenenden als Konzerttage sehr beliebt, es kommen einfach mehr Leute.
Für eine Tour muss ich aber auch Montag bis Donnerstag belegen, und da diese Veranstalter rar sind, kommen dann eben manchmal solche Kilometer zustande.

Denn Abend beschließe ich bei 2 Glas Rotwein und Gesprächen über Literatur mit meiner Gastgeberin Berit…what a lucky guy I am!

10. Tag/Gütersloh – Hauskonzert:
Andrea und Michael kenne ich schon lange. Zu einer Zeit als ich noch in Top 40 Bands gespielt habe, waren sie häufig da. Jetzt bin ich bei ihnen auf einem Hauskonzert eingeladen, und sie stellen echt einen tollen Abend auf die Beine.
Bei Hauskonzerten weiß man auch nie, ob erstens genügend Leute kommen, und (zweitens) ob die, die kommen auch ein Konzert hören wollen. Der Gastgeber bestimmt hier den Rahmen.
Beim Aufbau stelle ich allerdings fest: mein Gesangsmikro ist in Berlin geblieben, und das IST eine Katastrophe, denn ohne Verstärkung ist so ein Konzert einfach nicht möglich, nicht über 2 Stunden. Wenn nur 3 Leute anfangen zu reden, fängt der Sänger an das auszugleichen in dem er lauter singt, irgendwann ist dann Schluss.
Ich bin aber auch der König der Liegen-Lasser. Von dem Equipment, was schon auf diversen Bühnen geblieben ist, hätte ich mir schon jede Menge Koks für die Pausen kaufen können….Traubenzucker! Ich meinte Traubenzucker!

11. Tag/Menslage:
Volles Haus im Karbarosa. Leider habe ich aber noch kein Mikro. Den Abend in Gütersloh konnte ich retten, weil ich über ein Gitarrenmikro gesungen habe, irgendwie ging es…
Der Berliner Club schickt mir meines nach Hause, davon habe ich aber heute nichts.
Zum Glück kenne ich ein paar Musiker, unter anderem Wolfgang, der auch Gitarre spielt und singt, und in der Nähe wohnt. Er leiht mir 2 Mikros, ich kann also sogar auswählen.
Birgit Eckhoff schreibt eine sehr schöne Rezension für die NOZ über das Konzert.
One more Show to go…

12. Tag/St. Peter Ording:
Letztes Konzert der Tour, und noch einmal voll. Es ist schon erstaunlich welche Energien man freisetzt, wenn das Ziel vor Augen hat. Den Abend in St. Peter Ording habe ich als sensationell in Erinnerung, ich hoffe die Konzertbesucher auch. Das Programm habe ich jetzt „rund“, kann herumexperimentieren und Songs austauschen, wenn ich z.B. merke, dass etwas gar nicht ankommt, oder ich einfach mal was anderes spielen muss.
Meinen Song „Silvermoon“ mag ich akustisch mittlerweile lieber als meinen YouTube-„Hit“ „A different way“, der drückt mit der Band einfach viel besser.
Mein CD Koffer ist jetzt leer, aber ich kann zum Glück darauf hinweisen, dass es das Album ja auch online zu kaufen gibt.

Fazit:
Zwischen den Konzerten habe ich auch noch kleinere Sideman-Gigs gespielt, und noch 2 Galas, die mir die Kasse ein bisschen aufbessern, so dass ich auf einen ganz schön vollen Februar kam.
Kilometer waren es tatsächlich 4.000, 14 Sätze Saiten habe ich verbraucht, und die Bünde meiner Haupt Akustikgitarre sind komplett runter.
mein Highlight sind neben den Konzerten, und ein Grund warum sich so etwas lohnt: Die Begegnung mit Menschen überall, Gespräche (ausser während des Konzertes…) und Eindrücke aus total unterschiedlichen Gegenden.
Das Alleine-reisen muss man allerdings können. Ich freue mich schon auf erste Shows mit dem Trio.
Also: Was für ein Monat! Danke an alle, die es zu den Shows geschafft haben.
Die ersten Tour-Gigs für 2018 sind schon gebucht, und es wird auch wieder heißen:
„Hallo, Berlin…“

Foto: Ray Getty